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Walter Benjamin bekennt sich seit den 1930er Jahren in seiner erkenntnistheoretischen Position und politischen Gesinnung zunehmend zum historischen Materialismus. Nun zeichnet sich sein materialistisches Denken wiederum durch jene Konzeptionen aus, die sich laut Adorno “unter dem Titel eines anthropologischen Materialismus” zusammenfassen lassen. Die anthropologische Wendung seines materialistischen Denkens markiert nicht nur Benjamins Differenz zu Adorno, sondern auch eine deutliche Distanz zum orthodoxen Marxismus. Er hat sie zwar nicht ausfuhrlich und systematisch entwickelt, aber verschiedene Motive seines Denkens weisen darauf hin, dass er uber sie weitgehend und immer tiefer reflektiert hat.
In dieser Studie habe ich versucht, die wichtigsten Motive und Elemente des anthropologischen Materialismus aus seinen Schriften herauszuarbeiten. Dazu gehoren vor allem “profane Erleuchtung”, “Leibraum”, “Bildraum”, die Technik und die Masse. Benjamin hat seinen anthropologischen Materialismus eigentlich mit der Absicht konzipiert, die abstrakte Tendenz des metaphysischen Materialismus zu uberwinden, indem er ihm jene Konkretion und Anschaulichkeit verleiht, die ihm erst ein Raum fur politisches Handeln eroffnet. Das Wort “anthropologischer Materialismus” tritt in seinem Surrealismus-Essay zum ersten Mal auf. Neben Fouriers utopischem Sozialismus hat vor allem die surrealistische Bewegung in Frankreich seit Mitte der 20er Jahre Benjamin fur sein materialistisches Denken am meisten inspiriert. Surrealistische Erfahrung als Keimzelle einer neuen Theorie der Erfahrung auf der Hohe der Zeit, um die Benjamin seit der Fruhzeit bemuht war, ist das eigentliche Thema des Essays, das er im Begriff der profanen Erleuchtung konzentriert, jenem Begriff, der dann von hier aus seine konstruktive Karriere durch die Passagenarbeit antritt. Die profane Erleuchtung wird also ubertragen auf die “Urgeschichte des 19. Jahrhunderts”, um die es in der Passagenarbeit geht, und entwickelt sich zum dialektischen erkenntnistheoretischen Modell fur “Traum und Erwachen” sowie “Vergessen und Erinnern.”
Die Durchdringung von Bild- und Leibraum, die laut Benjamin der profanen Erleuchtung vertraut ist, macht nun die Bedingung dafur aus, dass “alle revolutionare Spannung leibliche kollektive Innervation, alle leiblichen Innervationen des Kollektivs revolutionare Entladung werden.” Mit dem Leib ist also bei Benjamin nicht der einzelner Individuen gemeint, sondern vielmehr ein kollektiver, der sich mittels der Technik organisiert und die Rolle ubernimmt, den Leib und die Psyche des sich autonom dunkenden burgerlichen Subjekts aufzusprengen. Aufgesprengt werden auch Begriffe und Vorstellungen wie Innerlichkeit, Ich, Sinn sowie andere aus der humanistischen Tradition, die am Fetisch des Schopferischen festhalten, sich im Gebietsdenken des Asthetischen verharren und am Ende fur die falsche Rezeption der Technik verantwortlich gemacht werden. Benjamins avantgardistische Forderung nach dem destruktiven Charakter, dem “positiven Barbarentum”(Erfahrung und Armut) und dem “Unmensch”(Karl Kraus) wird von hier aus verstandlich. Das sind allesamt Denkfiguren, die es sich zur Aufgabe machen, zugunsten des realen Humanismus die muffigen Bestande des alten Menschen zu vernichten.
Was die Masse anbetrifft, so gilt es freilich, das Kollektivum, das Benjamin fur die Revolution als “kollektive Innervation” einfordert, von jenen Massierungen der Leute zu unterscheiden, deren Modell die sich auf dem Markt zufallig formierende Kundenmasse ist, und die als das Objekt der Manipulation der totalitaren Staaten fungiert haben. Und keiner kann doch behaupten, heute in der postmodernen Consumer Society sei totalitare Macht endgultig gebannt.
Benjamins Konzeption des anthropologischen Materialismus enthalt m. E. denkwurdige Motive, aus denen fur die Erneuerung des gesellschaftskritischen Denkens und der materialistischen Erkenntnistheorie auch heute wichtige Aufschlusse zu ziehen sind.
Walter Benjamin bekennt sich seit den 1930er Jahren in seiner erkenntnistheoretischen Position und politischen Gesinnung zunehmend zum historischen Materialismus. Nun zeichnet sich sein materialistisches Denken wiederum durch jene Konzeptionen aus, die sich laut Adorno “unter dem Titel eines anthropologischen Materialismus” zusammenfassen lassen. Die anthropologische Wendung seines materialistischen Denkens markiert nicht nur Benjamins Differenz zu Adorno, sondern auch eine deutliche Distanz zum orthodoxen Marxismus. Er hat sie zwar nicht ausfuhrlich und systematisch entwickelt, aber verschiedene Motive seines Denkens weisen darauf hin, dass er uber sie weitgehend und immer tiefer reflektiert hat. In dieser Studie habe ich versucht, die wichtigsten Motive und Elemente des anthropologischen Materialismus aus seinen Schriften herauszuarbeiten. Dazu gehoren vor allem “profane Erleuchtung”, “Leibraum”, “Bildraum”, die Technik und die Masse. Benjamin hat seinen anthropologischen Materialismus eigentlich mit der Absicht konzipiert, die abstrakte Tendenz des metaphysischen Materialismus zu uberwinden, indem er ihm jene Konkretion und Anschaulichkeit verleiht, die ihm erst ein Raum fur politisches Handeln eroffnet. Das Wort “anthropologischer Materialismus” tritt in seinem Surrealismus-Essay zum ersten Mal auf. Neben Fouriers utopischem Sozialismus hat vor allem die surrealistische Bewegung in Frankreich seit Mitte der 20er Jahre Benjamin fur sein materialistisches Denken am meisten inspiriert. Surrealistische Erfahrung als Keimzelle einer neuen Theorie der Erfahrung auf der Hohe der Zeit, um die Benjamin seit der Fruhzeit bemuht war, ist das eigentliche Thema des Essays, das er im Begriff der profanen Erleuchtung konzentriert, jenem Begriff, der dann von hier aus seine konstruktive Karriere durch die Passagenarbeit antritt. Die profane Erleuchtung wird also ubertragen auf die “Urgeschichte des 19. Jahrhunderts”, um die es in der Passagenarbeit geht, und entwickelt sich zum dialektischen erkenntnistheoretischen Modell fur “Traum und Erwachen” sowie “Vergessen und Erinnern.”Die Durchdringung von Bild- und Leibraum, die laut Benjamin der profanen Erleuchtung vertraut ist, macht nun die Bedingung dafur aus, dass “alle revolutionare Spannung leibliche kollektive Innervation, alle leiblichen Innervationen des Kollektivs revolutionare Entladung werden.” Mit dem Leib ist also bei Benjamin nicht der einzelner Individuen gemeint, sondern vielmehr ein kollektiver, der sich mittels der Technik organisiert und die Rolle ubernimmt, den Leib und die Psyche des sich autonom dunkenden burgerlichen Subjekts aufzusprengen. Aufgesprengt werden auch Begriffe und Vorstellungen wie Innerlichkeit, Ich, Sinn sowie andere aus der humanistischen Tradition, die am Fetisch des Schopferischen festhalten, sich im Gebietsdenken des Asthetischen verharren und am Ende fur die falsche Rezeption der Technik verantwortlich gemacht werden. Benjamins avantgardistische Forderung nach dem destruktiven Charakter, dem “positiven Barbarentum”(Erfahrung und Armut) und dem “Unmensch”(Karl Kraus) wird von hier aus verstandlich. Das sind allesamt Denkfiguren, die es sich zur Aufgabe machen, zugunsten des realen Humanismus die muffigen Bestande des alten Menschen zu vernichten. Was die Masse anbetrifft, so gilt es freilich, das Kollektivum, das Benjamin fur die Revolution als “kollektive Innervation” einfordert, von jenen Massierungen der Leute zu unterscheiden, deren Modell die sich auf dem Markt zufallig formierende Kundenmasse ist, und die als das Objekt der Manipulation der totalitaren Staaten fungiert haben. Und keiner kann doch behaupten, heute in der postmodernen Consumer Society sei totalitare Macht endgultig gebannt.Benjamins Konzeption des anthropologischen Materialismus enthalt m. E. denkwurdige Motive, aus denen fur die Erneuerung des gesellschaftskritischen Denkens und der materialistischen Erkenntnistheorie auch heute wichtige Aufschlusse zu ziehen sind.
Walter Benjamin bekennt sich seit den 1930er Jahren in seiner erkenntnistheoretischen Position und politischen Gesinnung zunehmend zum historischen Materialismus. Nun zeichnet sich sein materialistisches Denken wiederum durch jene Konzeptionen aus, die sich laut Adorno “unter dem Titel eines anthropologischen Materialismus” zusammenfassen lassen. Die anthropologische Wendung seines materialistischen Denkens markiert nicht nur Benjamins Differenz zu Adorno, sondern auch eine deutliche Distanz zum orthodoxen Marxismus. Er hat sie zwar nicht ausfuhrlich und systematisch entwickelt, aber verschiedene Motive seines Denkens weisen darauf hin, dass er uber sie weitgehend und immer tiefer reflektiert hat. In dieser Studie habe ich versucht, die wichtigsten Motive und Elemente des anthropologischen Materialismus aus seinen Schriften herauszuarbeiten. Dazu gehoren vor allem “profane Erleuchtung”, “Leibraum”, “Bildraum”, die Technik und die Masse. Benjamin hat seinen anthropologischen Materialismus eigentlich mit der Absicht konzipiert, die abstrakte Tendenz des metaphysischen Materialismus zu uberwinden, indem er ihm jene Konkretion und Anschaulichkeit verleiht, die ihm erst ein Raum fur politisches Handeln eroffnet. Das Wort “anthropologischer Materialismus” tritt in seinem Surrealismus-Essay zum ersten Mal auf. Neben Fouriers utopischem Sozialismus hat vor allem die surrealistische Bewegung in Frankreich seit Mitte der 20er Jahre Benjamin fur sein materialistisches Denken am meisten inspiriert. Surrealistische Erfahrung als Keimzelle einer neuen Theorie der Erfahrung auf der Hohe der Zeit, um die Benjamin seit der Fruhzeit bemuht war, ist das eigentliche Thema des Essays, das er im Begriff der profanen Erleuchtung konzentriert, jenem Begriff, der dann von hier aus seine konstruktive Karriere durch die Passagenarbeit antritt. Die profane Erleuchtung wird also ubertragen auf die “Urgeschichte des 19. Jahrhunderts”, um die es in der Passagenarbeit geht, und entwickelt sich zum dialektischen erkenntnistheoretischen Modell fur “Traum und Erwachen” sowie “Vergessen und Erinnern.”Die Durchdringung von Bild- und Leibraum, die laut Benjamin der profanen Erleuchtung vertraut ist, macht nun die Bedingung dafur aus, dass “alle revolutionare Spannung leibliche kollektive Innervation, alle leiblichen Innervationen des Kollektivs revolutionare Entladung werden.” Mit dem Leib ist also bei Benjamin nicht der einzelner Individuen gemeint, sondern vielmehr ein kollektiver, der sich mittels der Technik organisiert und die Rolle ubernimmt, den Leib und die Psyche des sich autonom dunkenden burgerlichen Subjekts aufzusprengen. Aufgesprengt werden auch Begriffe und Vorstellungen wie Innerlichkeit, Ich, Sinn sowie andere aus der humanistischen Tradition, die am Fetisch des Schopferischen festhalten, sich im Gebietsdenken des Asthetischen verharren und am Ende fur die falsche Rezeption der Technik verantwortlich gemacht werden. Benjamins avantgardistische Forderung nach dem destruktiven Charakter, dem “positiven Barbarentum”(Erfahrung und Armut) und dem “Unmensch”(Karl Kraus) wird von hier aus verstandlich. Das sind allesamt Denkfiguren, die es sich zur Aufgabe machen, zugunsten des realen Humanismus die muffigen Bestande des alten Menschen zu vernichten. Was die Masse anbetrifft, so gilt es freilich, das Kollektivum, das Benjamin fur die Revolution als “kollektive Innervation” einfordert, von jenen Massierungen der Leute zu unterscheiden, deren Modell die sich auf dem Markt zufallig formierende Kundenmasse ist, und die als das Objekt der Manipulation der totalitaren Staaten fungiert haben. Und keiner kann doch behaupten, heute in der postmodernen Consumer Society sei totalitare Macht endgultig gebannt.Benjamins Konzeption des anthropologischen Materialismus enthalt m. E. denkwurdige Motive, aus denen fur die Erneuerung des gesellschaftskritischen Denkens und der materialistischen Erkenntnistheorie auch heute wichtige Aufschlusse zu ziehen sind.
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